Hinter verschlossenen Türen: Unsere Erfahrungen mit gesperrten Orten
Was macht einen Ort eigentlich «öffentlich»? Ist es das Schild am Eingang, das Öffnungszeiten verkündet, oder die Abwesenheit eines Schlosses? Seit Jahren treibt uns genau diese Frage um – und die ehrliche Antwort fällt jedes Mal anders aus. Das Verbotene übt eine fotografische Anziehungskraft aus, die sich kaum in Worte fassen lässt. Es ist dieses leise Kribbeln, wenn wir vor einer verriegelten Tür stehen und wissen: Dahinter liegt eine Welt, die seit Jahrzehnten niemand mehr gesehen hat. Als Team rund um Mario Del Curto, photographe, haben wir uns zur Aufgabe gemacht, nicht nur das Sichtbare zu dokumentieren. Wir wollen die Zwischenräume verstehen, die stillen Zonen, die offiziell nicht existieren. Dieser Text ist unser ehrlicher Einblick in die Motivation, die uns immer wieder an genau diese Orte zieht.
Die Faszination des Unzugänglichen: Warum wir geschlossene Orte suchen
Die Frage wird uns oft gestellt: Warum tut ihr euch das an? Warum klettert ihr über Zäune, zwängt euch durch halb vermauerte Fenster und nehmt stundenlange Fussmärsche in Kauf, nur um einen Raum zu fotografieren, den offiziell niemand betreten darf? Für uns ist die Antwort simpel und komplex zugleich. Es geht um den Moment, in dem die Aussenwelt verstummt. Seit Jahren treibt uns die Stille und der Stillstand dieser Orte an – ein Antrieb, der tief mit der Arbeitsweise von Mario Del Curto verwurzelt ist, der schon früh erkannte, dass verlassene Räume mehr erzählen als belebte Plätze. In der Schweiz, einem Land, das auf den ersten Blick so ordentlich und durchgeplant wirkt, sind diese vergessenen Winkel besonders kostbar. Sie sind die blinden Flecken auf der Landkarte, und genau dort beginnt unsere Arbeit.
Mehr als nur Verfall: Die unsichtbaren Geschichten hinter den Mauern
Wenn wir eine verlassene Spitalabteilung betreten, sehen wir nicht nur abblätternde Farbe und rostige Betten. Wir sehen die Nachtschicht, die hier vor vierzig Jahren Kaffee trank, die hastig hinterlassene Krankenakte auf dem Boden, das private Foto, das jemand an die Wand klebte und beim Auszug vergass. Jeder Riss im Putz, jede vergilbte Zeitung auf einem Schreibtisch ist ein Fragment einer menschlichen Geschichte. Genau das unterscheidet unsere Arbeit von reiner Ruinen-Romantik. Wir jagen nicht dem ästhetischen Verfall hinterher, sondern den unsichtbaren Biografien, die in diesen Mauern schlummern. Gerade in der Romandie, wo wir viele verlassene Spitäler und Bunker in der Romandie dokumentiert haben, wird spürbar, wie viel unerzähltes Leben an solchen Orten haftet.
Der Reiz der Stille: Wenn die Zeit in einem Raum eingefroren scheint
Es gibt diesen einen Moment beim Betreten eines lange verschlossenen Raumes: Die Luft steht, der Staub hat sich seit Jahren nicht bewegt, und das einzige Geräusch ist unser eigener Herzschlag. Diese eingefrorene Zeit ist für uns fast greifbar. In einer stillgelegten Uhrenfabrik im Jura fanden wir einmal eine Werkbank, auf der noch das halb zerlegte Uhrwerk lag – als wäre der Uhrmacher eben kurz aufgestanden und nie zurückgekommen. Solche Augenblicke sind es, die uns süchtig machen. Nicht nach dem Nervenkitzel des Verbotenen, sondern nach dieser dichten, fast meditativen Stille, die uns zwingt, langsamer zu sehen und genauer hinzuschauen.
Zwischen Legalität und Leidenschaft: Die Herausforderungen beim Zugang
Wir wollen hier nichts beschönigen: Was wir tun, bewegt sich oft in einer Grauzone. Stillgelegte Spitäler, alte Bunker, verlassene Industrieanlagen – sie gehören irgendjemandem, auch wenn dieser Jemand sie seit zwanzig Jahren nicht mehr betreten hat. Der Zugang ist fast nie legal, und das wissen wir. Umso wichtiger ist für uns ein klarer innerer Kompass. Wir betreten keine Orte, die offensichtlich bewohnt sind oder aktiv gesichert werden. Wir hebeln keine Türen auf und hinterlassen nichts als Fussabdrücke im Staub. Diese Haltung haben wir über Jahre entwickelt, und sie ist untrennbar mit dem Namen Mario Del Curto verbunden, der stets betont hat, dass Respekt vor dem Ort die Grundlage jeder ernsthaften fotografischen Dokumentation sein muss.
Respekt vor dem Ort: Unser ungeschriebener Kodex
Unser Team hält sich an ein paar eiserne Regeln, die wir nie schriftlich fixiert haben, die aber jeder von uns verinnerlicht hat:
- Wir nehmen nichts mit – ausser unseren Bildern.
- Wir verändern nichts – kein Arrangieren von Gegenständen für ein besseres Motiv.
- Wir geben keine genauen Standorte an Dritte weiter – der Schutz des Ortes vor Vandalismus hat höchste Priorität.
- Wir dokumentieren den Zustand, wie wir ihn vorfinden, und werden so zu stillen Zeugen, nicht zu Akteuren.
Dieser Kodex mag streng wirken, aber er ist die einzige Möglichkeit, unsere Arbeit ethisch vertretbar zu halten. Jedes Mal, wenn wir einen Raum verlassen, soll er exakt so aussehen wie beim Betreten – nur dass jetzt jemand weiss, dass es ihn noch gibt.
Sicherheit geht vor: Von Asbest und losen Böden
Romantik hin oder her – verlassene Gebäude sind gefährlich. Wir haben morsche Treppen erlebt, die unter unseren Füssen nachgaben, Räume mit offensichtlicher Asbestbelastung und dunkle Keller, in denen der Boden plötzlich endete. Vor jedem Betreten machen wir eine Risikoabschätzung. Atemschutzmasken gehören zur Grundausstattung, ebenso wie festes Schuhwerk und eine Stirnlampe – die Hände müssen für die Kamera frei bleiben. In fensterlosen Bunkern ist die Orientierung ohne künstliches Licht ohnehin unmöglich. Wir haben gelernt, dass der beste Shot nichts wert ist, wenn man dafür durch eine morsche Decke bricht. Sicherheit ist kein Zufall, sondern Vorbereitung.
Das Archiv der Erinnerung: Die Archive der Association Mordache entdecken
Nicht alle geschlossenen Orte, die wir aufsuchen, sind verlassene Gebäude. Einer der faszinierendsten «gesperrten Räume», in denen wir arbeiten durften, ist das Archiv der Association Mordache. Wer denkt, ein Archiv sei bloss ein staubiger Lagerraum, hat noch nie mit uns eine dieser schweren Metalltüren geöffnet. Die Association Mordache bewahrt fotografische Bestände, die über Jahrzehnte gewachsen sind – ein physisches Gedächtnis, das normalerweise niemand zu Gesicht bekommt. Für uns als Fotografen ist der Zugang zu diesen geschlossenen Archiven ein Privileg, das wir nie als selbstverständlich betrachten.
Kisten öffnen, Geschichte atmen: Unsere Arbeit im physischen Gedächtnis
Es ist ein eigenartiges Gefühl, einen Archivkarton zu öffnen, der seit zwanzig Jahren nicht berührt wurde. Der Geruch von altem Papier und Gelatine steigt auf, und plötzlich hält man einen Abzug in der Hand, den Mario Del Curto vor Jahrzehnten in einer dunklen Fabrikhalle belichtet hat. Diese Momente sind für uns zutiefst bewegend. Wir blättern durch Kontaktbögen, lesen handschriftliche Notizen auf den Rückseiten und setzen Puzzle für Puzzle ein Bild zusammen, das weit über das einzelne Foto hinausgeht. Die Zusammenarbeit mit der Association Mordache ermöglicht es uns, diese Schätze nicht nur zu sichten, sondern für die Zukunft zu bewahren und punktuell zugänglich zu machen.
Warum ein geschlossenes Archiv mehr ist als nur ein Lagerraum
Ein Archiv, das nicht genutzt wird, ist ein Friedhof der Bilder. Doch ein Archiv, das lebt – und genau das versuchen wir mit der Association Mordache zu erreichen –, ist ein Dialog mit der Vergangenheit. Jedes gehobene Negativ, jeder digitalisierte Abzug stellt eine Frage an uns heute: Was sehen wir, das damals übersehen wurde? Welche Relevanz hat ein Bild von 1985 im Jahr 2025? In den geschlossenen Beständen schlummern fotografische Schätze, die nicht nur ästhetisch überwältigen, sondern auch sozialhistorische Dokumente von unschätzbarem Wert sind. Sie zeigen eine Schweiz, die es so nicht mehr gibt, festgehalten von einem Fotografen, der schon damals dorthin ging, wo andere wegschauten.
Technik und Atmosphäre: Wie wir ohne natürliches Licht arbeiten
Die technische Herausforderung an gesperrten Orten ist enorm – und genau das lieben wir. In fensterlosen Bunkeranlagen, tief unter der Erde, herrscht absolute Dunkelheit. Kein Tageslicht, kein Notausgang, kein Lichtschalter, der noch funktioniert. In solchen Momenten wird die Kamera zu einem Instrument, das sehen lernt, wo das menschliche Auge versagt. Wir haben in stillgelegten Fabrikhallen in der Romandie gearbeitet, deren Fenster seit Jahrzehnten vernagelt sind, und in Kellern, die noch nie einen Sonnenstrahl gesehen haben. Die Atmosphäre dieser Räume einzufangen, ohne sie durch grelle Blitze zu zerstören, ist eine Kunst für sich.
Langzeitbelichtung als Schlüssel zum Unsichtbaren
Unser wichtigstes Werkzeug in der Dunkelheit ist die Geduld. Langzeitbelichtungstechnik in fensterlosen Räumen bedeutet, dass ein einziges Bild schon mal dreissig Minuten oder länger brauchen kann. Wir stellen das Stativ auf, justieren die Kamera und warten. In dieser Wartezeit passiert etwas Merkwürdiges: Der Raum beginnt, mit uns zu sprechen. Wir hören Tropfen, die irgendwo in der Tiefe fallen, spüren Luftzüge, deren Ursprung wir nicht lokalisieren können, und nehmen Strukturen wahr, die das blosse Auge im ersten Moment übersehen hätte. Die Langzeitbelichtung macht diese verborgenen Details sichtbar – sie ist buchstäblich eine Technik, die Zeit in Licht verwandelt.
Minimales Equipment, maximale Wirkung: Unser mobiles Studio im Rucksack
Vergesst schwere Studioblitzanlagen und aufwändige Lichtformer. Unser Setup für gesperrte Orte passt in einen einzigen Rucksack: eine robuste Kamera, zwei Objektive, ein stabiles Reisestativ, eine Stirnlampe und manchmal eine kleine LED-Leuchte für gezielte Akzente. Mehr nicht. Jedes zusätzliche Kilo bestraft sich bei langen Zustiegen durch unwegsames Gelände doppelt. Wir haben gelernt, mit dem vorhandenen Minimal-Licht zu arbeiten, es zu formen, statt es zu überwältigen. Gerade in der Arbeit von Mario Del Curto sieht man, wie reduziert die Technik sein kann – und wie grandios die Ergebnisse trotzdem ausfallen. Es geht nicht um die Menge der Ausrüstung, sondern um die Fähigkeit, das Licht zu lesen, das bereits da ist.
Vom Verbot zum Bild: Die Verantwortung des Fotografen
Jedes Mal, wenn wir einen Abzug in der Hand halten oder ein Bild am Bildschirm betrachten, stellt sich dieselbe Frage: Dürfen wir das zeigen? Wir haben einen Ort betreten, der nicht für unsere Augen bestimmt war, und nun machen wir ihn – zumindest ausschnittweise – öffentlich. Das ist ein schmaler Grat, und wir sind uns der Verantwortung bewusst. Mario Del Curto hat diesen Weg über Jahrzehnte gemeistert, ohne jemals in platten Voyeurismus abzugleiten. Sein Ansatz, den wir teilen, ist die respektvolle Dokumentation, die den Ort nicht ausstellt, sondern ihm eine Würde zurückgibt, die er im Vergessen verloren hat.
Zeigen oder verbergen? Der Entscheidungsprozess hinter jedem Motiv
Nicht jedes Bild, das technisch gelungen ist, verlässt unser Archiv. Wir haben eine interne Ethik-Runde, in der wir diskutieren: Verletzt dieses Foto die Intimsphäre eines Ortes? Stellt es etwas bloss, das besser verborgen bliebe? Gibt es einen künstlerischen oder dokumentarischen Mehrwert, der die Veröffentlichung rechtfertigt? Manchmal entscheiden wir gegen ein spektakuläres Motiv, weil es zu viel preisgibt – den genauen Standort, private Hinterlassenschaften, die noch nicht verjährt wirken. Diese Selbstbeschränkung mag von aussen seltsam erscheinen, aber sie ist essenziell für unsere Glaubwürdigkeit.
Die Nachbereitung: Wenn das Bild mehr verrät als erlaubt
Spannend wird es oft erst am Computer. In der Langzeitbelichtung tauchen Details auf, die wir vor Ort mit blossem Auge nicht erkennen konnten: ein Kalenderblatt an der Wand mit lesbarem Datum, ein Firmenlogo auf einer vergessenen Kiste, ein Name auf einem Briefkopf. Plötzlich wird aus einem anonymen Raum ein identifizierbarer Ort mit realen Menschen dahinter. In solchen Fällen entscheiden wir uns manchmal für eine digitale Retusche, die dennoch den Charakter des Bildes bewahrt. Es geht nicht um Zensur, sondern um Schutz – der Ort bleibt ein Raum der Erinnerung, nicht der Entblössung.
Ein Blick hinter die Schweizer Fassade: Verborgene Orte neu erleben
Diese Arbeit hat unseren Blick auf die alltägliche Architektur der Schweiz fundamental verändert. Wenn wir heute durch ein Dorf im Jura oder eine Vorstadt im Mittelland gehen, sehen wir nicht mehr nur Fassaden. Wir sehen potenzielle Geschichten hinter jeder verriegelten Tür, jedem vernagelten Fenster, jedem stillgelegten Kamin. Die Schweiz, dieses auf den ersten Blick so perfekt organisierte Land, ist durchlöchert von vergessenen Räumen – und genau das macht sie für uns so unendlich spannend.
Die Schweiz von ihrer unbekannten Seite: Unsere eindrücklichsten Entdeckungen
Die Bandbreite dessen, was wir in den letzten Jahren dokumentieren durften, ist überwältigend. Da ist die bereits erwähnte stillgelegte Uhrenfabrik im Jura, deren Maschinen noch geölt wirken, als könnten sie morgen wieder anlaufen. Da sind die verlassene Spitäler und Bunker in der Romandie, deren Flure so lang sind, dass der Lichtstrahl der Stirnlampe im Nichts verschwindet. Und da sind die kleinen, fast intimen Orte: ein aufgegebenes Bauernhaus im Emmental mit handgemalten Tapeten, ein stillgelegtes Kino in einer Kleinstadt, dessen rote Samtsessel noch immer im Dunkeln glimmen. Jeder dieser Orte hat unser Bild der Schweiz verändert und uns gezeigt, dass hinter vielen Türen mehr steckt, als man denkt.
Warum wir weitermachen: Die nie endende Suche nach dem Verborgenen
Wir könnten aufhören. Wir könnten sagen, wir haben genug gesehen, genug dokumentiert, genug Archivkisten gefüllt. Aber jedes Mal, wenn wir denken, jetzt kennen wir die verborgenen Winkel dieses Landes, taucht ein neuer Hinweis auf: ein Gespräch in einer Dorfbeiz, ein alter Zeitungsartikel, eine vage Erinnerung eines Zeitzeugen. Die Suche nach dem Verborgenen ist nie abgeschlossen, weil das Vergessen ein fortlaufender Prozess ist. Täglich werden irgendwo in der Schweiz Türen zum letzten Mal geschlossen, und täglich beginnt eine neue Geschichte des Stillstands. Solange das passiert, werden wir da sein – mit Kamera, Respekt und der unstillbaren Neugier, die Mario Del Curto uns vorgelebt hat.
Das Fotografieren geschlossener Orte ist für uns weit mehr als ein ästhetisches Abenteuer. Es ist eine Form des kulturellen Gedächtnisses, eine Archäologie des Alltags, die dem Verschwinden etwas entgegensetzt. Getragen und bewahrt von Mario Del Curto und der Association Mordache, wächst ein Bildarchiv heran, das eine Schweiz dokumentiert, die offiziell nicht mehr existiert – und die doch überall unter der Oberfläche weiterlebt. Wir laden euch ein, den Raum um euch herum mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht entdeckt ihr beim nächsten Spaziergang eine Tür, die ihr vorher nie beachtet habt. Vielleicht fragt ihr euch dann: Was wäre, wenn ich wüsste, was dahinter liegt? Genau so hat es bei uns auch angefangen.
Häufig gestellte Fragen
Ist das Betreten verlassener Orte in der Schweiz legal?
In den meisten Fällen nicht. Verlassene Gebäude und gesperrte Anlagen befinden sich fast immer in Privatbesitz oder im Eigentum der öffentlichen Hand, und das unbefugte Betreten stellt einen Hausfriedensbruch dar. Wir sind uns dieser rechtlichen Grauzone bewusst und handeln nach einem strengen ethischen Kodex, der Respekt vor dem Eigentum und den Schutz des Ortes in den Vordergrund stellt. Wir hebeln keine Türen auf, hinterlassen keine Schäden und dokumentieren ausschliesslich – niemals verändern oder entfernen wir etwas.
Wie findet Mario Del Curto seine Motive an gesperrten Orten?
Die Recherche ist ein wesentlicher Teil unserer Arbeit. Viele Hinweise erhalten wir durch Gespräche
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