Gärten fotografieren: eine Langzeitserie

Gärten fotografieren: eine fotografische Spurensuche über Jahre

Es gibt Orte, die halten uns fest, ohne dass wir genau sagen könnten, warum. Ein Rosengarten in Rolle, wo das Licht an einem Junimorgen durch die Blütenblätter fällt, oder ein verwilderter Schrebergarten am Jurasüdfuss – solche Bilder ziehen uns stundenlang in ihren Bann. Was wir dort suchen, ist mehr als nur hübsche Natur. Es ist die Frage, wie wir Menschen unsere Umgebung gestalten, was wir hegen und was wir verwildern lassen. Diese Frage treibt uns seit über einem Jahrzehnt an, mit der Kamera in der Hand.

Der Garten als Bühne: Mehr als nur Blumenbeete

Für Mario Del Curto war von Anfang an klar: Ein Garten ist keine Postkartenkulisse. Er ist eine Bühne, auf der sich kulturelle Werte, soziale Geschichten und persönliche Schicksale abspielen. Jede Pflanze, die jemand setzt, jeder Weg, der angelegt wird, erzählt von Entscheidungen, von Herkunft und von einem bestimmten Verhältnis zur Welt. Deshalb beginnt unsere fotografische Arbeit nie mit dem Stativ im Rhododendronbeet, sondern mit einem Gespräch in der Küche des Gärtnerhauses. Erst wenn wir verstehen, wer hier gräbt und jätet, sehen wir den Garten wirklich.

Wir haben Parzellen im Val de Travers besucht, die auf den ersten Blick wie ein ungeordnetes Sammelsurium wirken, in Wirklichkeit aber das Lebenswerk eines einzelnen Menschen sind – ein stilles Manifest gegen die Wegwerfgesellschaft. Genauso haben wir weitläufige Anlagen dokumentiert, die mit ihrem strengen geometrischen Aufbau eine klare gesellschaftliche Ordnung widerspiegeln. Ob der akkurat gestutzte Buchs im Genfer Villenviertel oder der Bauerngarten im Emmental, in dem Nutzpflanzen und Zierpflanzen friedlich koexistieren: Jeder dieser Orte ist eine bewusste Setzung, ein grünes Statement, das weit über den Gartenzaun hinausreicht.

Was uns immer wieder fasziniert, ist die unverwechselbare Handschrift, die jeder leidenschaftliche Gärtner hinterlässt:

  • Die Sammlerin seltener Alpenpflanzen in den Waadtländer Voralpen, deren Steingarten einem botanischen Labor gleicht
  • Der pensionierte Winzer im Wallis, der seine alten Rebsorten mit einer Zärtlichkeit pflegt, die an Fürsorge für alte Freunde erinnert
  • Die Art, wie Tomatenstauden angebunden sind, eine selbst gezimmerte Bank oder ein handgemaltes Pflanzschild

Diese persönliche Note einzufangen, gelingt nur, wenn wir uns Zeit nehmen. Mario Del Curto verbringt oft Tage an einem Ort, bevor er den Auslöser drückt. Denn die Handschrift zeigt sich nicht im spektakulären Blütenmeer, sondern in den kleinen Gesten.

Die Entstehung einer Langzeitserie: Ein Projekt der Association Mordache

Was als einzelne Reportage für ein Magazin begann, hat sich zu einem Lebensprojekt entwickelt. Heute blicken wir auf ein umfangreiches Werk zurück, das ohne die Struktur und Unterstützung der Association Mordache nicht möglich gewesen wäre. Der Verein mit Sitz in Lausanne ist Herausgeberin und Archivarin dieser fotografischen Langzeitstudie und stellt sicher, dass die Negative nicht in irgendwelchen Schubladen verschwinden, sondern als kulturelles Gedächtnis zugänglich bleiben.

Die Reise begann in der unmittelbaren Umgebung von Lausanne. Wir besuchten Schrebergärten entlang der Gleise, Hinterhofgärten in den Quartiers und die prächtigen Anlagen am Genfersee. Doch schnell wurde klar, dass die Faszination für das grüne Refugium keine regionalen Grenzen kennt. Die Recherche weitete sich aus: über die Sprachgrenze hinweg in die Deutschschweiz, ins Tessin, später nach Frankreich und Italien. Überall trafen wir auf dieselbe tiefe menschliche Sehnsucht, ein Stück Erde nach den eigenen Vorstellungen zu formen.

In den Archivräumen der Association Mordache lagern inzwischen weit über 10’000 Negative, jedes einzelne sorgfältig beschriftet und klimatisch geschützt. Ein Teil der Serie wurde 2019 im Musée de l’Elysée in Lausanne ausgestellt – ein Meilenstein, der zeigte, welches öffentliche Interesse an dieser ruhigen, beharrlichen Form der Fotografie besteht.

Unsere Arbeitsweise: Mit der Kamera dem Wachstum auf der Spur

In einer Zeit, in der jeder Schnappschuss sofort auf dem Display erscheint, mag unsere Arbeitsweise fast anachronistisch wirken. Doch genau diese Entschleunigung ist Programm. Unser Team arbeitet ausschliesslich mit natürlichem Licht und oft über mehrere Jahreszeiten hinweg am selben Ort. Geduld ist für Mario Del Curto das wichtigste Werkzeug im Garten – noch vor Kamera und Belichtungsmesser.

Mario Del Curto arbeitet bei dieser Serie bevorzugt mit einer analogen Mittelformatkamera und verfügbarem Licht. Das hat nichts mit Techniknostalgie zu tun, sondern mit einer bestimmten Haltung. Die Mittelformatkamera zwingt zum langsamen Arbeiten. Zwölf Negative pro Film bedeuten zwölf wohlüberlegte Entscheidungen. Kein Serienbildmodus, kein digitales Löschen. Und das natürliche Licht respektiert die Stimmung eines Ortes, statt sie mit Blitzgewitter plattzumachen. Wenn die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, warten wir. Manchmal stundenlang. Diese Disziplin schafft Bilder, die atmen.

Ein Garten verändert sich radikal im Lauf des Jahres. Deshalb kehren wir immer wieder an dieselben Orte zurück, manchmal über Jahre hinweg. Es entstehen Bildpaare, die den Wandel sichtbar machen: das gleiche Beet im Frühlingsrausch und in der Winterruhe. Diese serielle Betrachtung schärft den Blick für das, was bleibt, und das, was vergeht.

Zwischen Nutzpflanze und Kunst: Die Ästhetik des Unperfekten

Perfektion langweilt uns. Ein akkurat gestutzter Buchs im Genfer Villenviertel mag handwerklich beeindruckend sein, aber er erzählt keine Geschichte, die uns berührt. Was Mario Del Curto sucht, ist das Unperfekte, das vermeintliche Chaos, in dem sich das Leben Bahn bricht. Der wilde Wein, der eine alte Walliser Scheune überwuchert und dabei eine fast skulpturale Form annimmt. Die Ringelblume, die sich unbeeindruckt zwischen den Pflastersteinen durchsetzt. Diese stillen Rebellionen gegen die Ordnung sind es, die unsere Bildsprache prägen.

Wir haben uns bewusst von der konventionellen Gartenfotografie abgegrenzt. Keine süsslichen Sonnenuntergänge hinter Rosenbögen, keine gestellten Stillleben mit Gartenschere und Strohhut. Stattdessen suchen wir den schrägen Blick, den unerwarteten Ausschnitt. Ein abgestorbener Baum, der wie eine Skulptur im Nebel steht. Ein Komposthaufen, auf dem Kürbisse wuchern. Diese Bildsprache ist persönlich und manchmal auch sperrig, aber sie ist ehrlich.

Besonders spannend wird es für uns an den Übergangszonen. Dort, wo der gepflegte Rasen auf die wilde Böschung trifft. Wo die sorgfältig gesetzte Staudenrabatte von selbst ausgesäten Wildblumen durchsetzt wird. In diesem Spannungsfeld zwischen menschlicher Kontrolle und natürlicher Eigendynamik liegt für uns der eigentliche Reiz.

Menschen und ihre grünen Refugien: Begegnungen vor der Linse

Im Zentrum unserer Serie steht immer der Mensch, der den Garten prägt und von ihm geprägt wird. Ohne die Gärtnerinnen und Gärtner wären all diese Orte nur hübsche Kulissen. Ihre Geschichten sind es, die den Bildern Tiefe geben. Wir haben im Lauf der Jahre unzählige Begegnungen gehabt, die uns nachhaltig beeindruckt haben.

Jeder Garten hat eine unsichtbare Tiefenschicht, die man nicht fotografieren kann. Es sind die Geschichten, die unter der Erde liegen: der Birnbaum, den der Grossvater zur Geburt der ersten Tochter gepflanzt hat. Die Rose, die als Ableger aus dem Garten der verstorbenen Schwester stammt. Diese Erzählungen hören wir bei unseren Besuchen, und sie verändern unseren Blick auf das Sichtbare. Der Gärtner wird zum Autor eines lebendigen Buches, das jedes Jahr weitergeschrieben wird.

Die Bandbreite der Orte, die wir besucht haben, ist enorm:

  • Bekannte Anlagen wie der Botanische Garten Genf mit seinen sorgfältig kuratierten Sammlungen
  • Unbekannte Privatgärten im Val de Travers, die nur den Anwohnern der Nachbarschaft vertraut sind
  • Die Schrebergärten am Rand von Lausanne, diese urtypischen grünen Wohnzimmer der Städter

Jeder dieser Orte hat seine eigene soziale Logik, seine eigene Ästhetik, seine eigenen Regeln – und doch verbindet sie alle dasselbe menschliche Grundbedürfnis.

Ein Blick nach vorn: Was diese Serie für unser Schaffen bedeutet

Die jahrelange Beschäftigung mit den Gärten hat unseren fotografischen Blick grundlegend verändert. Wir sehen genauer hin, wir nehmen uns mehr Zeit, wir stellen andere Fragen. Aus einer ursprünglich rein dokumentarischen Arbeit ist zunehmend ein Projekt geworden, das auch ökologische Zusammenhänge sichtbar macht. Was wir in den Gärten beobachten, ist ein Mikrokosmos der grossen Umweltfragen unserer Zeit.

Unsere Bilder können zeigen, was passiert, wenn Monokulturen den Boden auslaugen, oder wie viel Leben in einer naturnah bewirtschafteten Parzelle steckt. Aus der stillen Beobachtung ist eine Haltung gewachsen. Wir sehen unsere Arbeit heute auch als Beitrag zur Sensibilisierung für Umweltthemen, ohne dabei den belehrenden Zeigefinger zu erheben. Ein Foto von einem summenden Bienenvolk in einer blühenden Wiese sagt mehr als jede Statistik über Insektensterben.

Die Association Mordache wird das Thema Landschaft auch in Zukunft weiterverfolgen. Geplant sind Projekte, die den Fokus noch stärker auf die Veränderung der Kulturlandschaft durch den Klimawandel legen. Gletscherrückgang im Wallis, veränderte Vegetationszonen in den Alpen, neue Herausforderungen für den Weinbau – all das sind Themen, die uns beschäftigen und die eine fotografische Langzeitbeobachtung verdienen. Die Gartenserie bleibt dabei unser Fundament, die Erfahrung, aus der wir schöpfen.

Das Fotografieren der Gärten ist für uns kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist ein fortwährender Dialog mit dem Lebendigen, der nie wirklich endet. Solange es Menschen gibt, die ein Stück Land bebauen, bepflanzen und liebevoll gestalten, wird es für uns etwas zu entdecken geben. Die Spurensuche geht weiter – mit derselben Neugier wie am ersten Tag und mit dem festen Glauben daran, dass in jedem Garten eine Welt steckt, die es zu erkunden lohnt.

Häufig gestellte Fragen

Seit wann fotografiert Mario Del Curto Gärten?

Mario Del Curto hat vor über zehn Jahren mit der Gartenserie begonnen. Was als einzelne Reportage startete, entwickelte sich zu einer fotografischen Langzeitstudie, die bis heute andauert und kontinuierlich erweitert wird.

Welche Kamera verwendet Mario Del Curto für die Gartenfotografie?

Mario Del Curto arbeitet bei dieser Serie bevorzugt mit einer analogen Mittelformatkamera. Er setzt konsequent auf verfügbares natürliches Licht und verzichtet auf Blitz oder künstliche Lichtquellen, um die authentische Stimmung der Orte einzufangen.

Wo kann man die Gartenserie von Mario Del Curto sehen?

Ein Teil der Serie wurde 2019 im Musée de l’Elysée in Lausanne ausgestellt. Zudem verwaltet die Association Mordache das umfangreiche Archiv mit über 10’000 Negativen. Informationen zu aktuellen Ausstellungen und Publikationen finden sich auf der Website der Association Mordache.

Welche Gärten hat Mario Del Curto dokumentiert?

Die Serie umfasst eine grosse Bandbreite: von bekannten Anlagen wie dem Botanischen Garten Genf über Schrebergärten in Lausanne bis hin zu unbekannten Privatgärten im Val de Travers und an vielen weiteren Orten in der Schweiz und im Ausland.

Was ist die Association Mordache?

Die Association Mordache mit Sitz in Lausanne ist Herausgeberin und Archivarin der fotografischen Langzeitstudie. Der Verein bewahrt die Negative fachgerecht auf, ermöglicht Ausstellungen und Publikationen und unterstützt die kontinuierliche Weiterarbeit an der Serie.

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